
Zwei Gärten – und was sie uns lehren
In einer Kleingartenkolonie, nicht weit von hier, lagen zwei Parzellen nebeneinander. Wer den schmalen Weg entlangging, konnte kaum glauben, dass beide Gärten mit derselben Erde begannen.
Im ersten Garten arbeitete Herr Streng. Er liebte Ordnung. Jede Pflanze stand in Reih und Glied, exakt ausgerichtet, kein Blatt ragte fehl am Platz hervor. Unkraut hatte keine Chance – kaum zeigte es sich, wurde es entfernt. Der Boden war sauber, die Wege geschniegelt, die Beete geschniegelt noch mehr. Doch wenn man genauer hinsah, fiel etwas auf: Es summte nicht. Kein
Schmetterling setzte sich, kein Vogel pickte, und die Ernte – nun ja, sie war überschaubar. Herr Streng war jeden Tag beschäftigt, doch selten sah man ihn innehalten.
Im zweiten Garten wirkte Frau Grün. Auch sie liebte ihren Garten – aber auf andere Weise. Sie ließ wachsen, was wachsen wollte, griff nur ein, wenn etwas zu dominant wurde oder andere Pflanzen bedrängte. Zwischen Gemüse und Blumen summten Bienen, Käfer krabbelten, Vögel fanden Nahrung und Unterschlupf. Es war nicht ordentlich im klassischen Sinne, aber lebendig.
Die Ernte war reich, und oft saß Frau Grün auf ihrer Bank, beobachtete und lächelte.
Eines Tages trafen sich die beiden am Gartenzaun.
„Bei dir ist es ja ein ziemliches Durcheinander“, sagte Herr Streng und schüttelte den Kopf.
„Und bei dir ist es sehr… still“, antwortete Frau Grün freundlich.
Sie schwiegen einen Moment und hörten – oder eben nicht. Dann sagte Frau Grün: „Ein Garten braucht Pflege, ja. Aber er braucht auch Leben. Wenn wir alles kontrollieren, bleibt nichts übrig das uns überrascht.“
Herr Streng sah hinüber. Zum ersten Mal bemerkte er, wie viel Bewegung dort war – und wie ruhig es gleichzeitig wirkte.
Ein paar Wochen später geschah etwas Unerwartetes: In Herrn Strengs Garten ließ man eine kleine Ecke einfach wachsen. Nur ein Stück, nicht mehr. Anfangs fiel es ihm schwer. Doch bald summte es auch dort ein wenig.
Und in Frau Grüns Garten? Dort wurden ein paar Wege klarer, einige Pflanzen gezielt zurückgeschnitten, damit andere mehr Raum bekamen.
Beide Gärten veränderten sich – nicht radikal, aber spürbar.
Denn ein guter Garten ist weder ein steriles Muster noch ein ungezügeltes Chaos. Er ist ein Zusammenspiel aus Aufmerksamkeit und Gelassenheit, aus Eingreifen und Vertrauen.
Vielleicht ist genau dieses Gleichgewicht auch für unsere Anlage ein schöner gemeinsamer Weg.

Die Gartenkolonie der gleichen Gärtner
Es war einmal eine große Gartenkolonie mit 189 Parzellen.
Wie überall, wo viele Menschen zusammenkommen, gab es Regeln. Nicht, um jemanden zu ärgern – sondern damit das Miteinander funktioniert.
Am Eingang stand deshalb auf einem großen Schild:
„Alle Gärtner sind gleich.“
Die meisten fanden das selbstverständlich. Man schnitt Hecken, hielt Wege frei, nahm Rücksicht und kümmerte sich um seinen Garten.
Doch mit der Zeit passierte etwas Merkwürdiges.
Manche Gärtner begannen zu denken, dass kleine Ausnahmen doch eigentlich nicht so schlimm seien.
„Nur dieses eine Mal mit dem Anhänger.“
„Die Hecke wächst eben gut.“
„Das räume ich später weg.“
„Die anderen machen das doch auch.“
Und das Erstaunliche war: Fast jeder hatte irgendwo seine eigene kleine Ausnahme.
Der eine bei der Ordnung.
Der nächste bei der Lautstärke.
Jemand anders bei der Nutzung.
Und wieder jemand bei der Durchsetzung der Regeln.
Nach und nach entstand etwas Seltsames: Niemand wollte Sonderrechte – aber jeder fand gute Gründe, warum die eigene Ausnahme verständlich sei.
Eines Tages blieb ein alter Gärtner vor dem Eingangsschild stehen.
Er rieb sich die Augen.
Dort stand noch immer:
„Alle Gärtner sind gleich.“
Darunter hatte jemand klein ergänzt:
„… aber manche Gärtner halten sich für gleicher.“
Der alte Gärtner lächelte.
Nicht, weil er jemanden erkannt hatte.
Sondern weil er sich fragte, ob er selbst auch schon einmal gedacht hatte:
Nur heute. Nur ich. Nur diesmal.
Am Abend wurde lange diskutiert.
Nicht darüber, wer schuld ist.
Sondern darüber, wie man wieder dahin kommt, dass Regeln keine Werkzeuge für andere sind – sondern ein Maßstab für uns selbst.
Und am Ende beschloss die Kolonie, den kleinen Zusatz nicht zu übermalen.
Sondern ihn als Erinnerung stehen zu lassen.
Damit jeder – Vorstand, erweiterter Vorstand und Gärtner – sich beim Vorbeigehen gelegentlich fragt:
Handle ich gerade nach den Regeln, die ich mir auch von anderen wünsche?
Denn vielleicht beginnt Gleichheit nicht auf dem Schild.
Sondern im eigenen Garten.


Das Wunder von Sonnenwinkel e.V.
Eine kleine Geschichte über einen ganz normalen Kleingartenverein
Diese Geschichte handelt nicht von Solarmodulen. Sie handelt von Menschen.
Von der Frage, ob wir einen Kleingarten nur pachten – oder ob wir gemeinsam Verantwortung für etwas übernehmen, das größer ist als unsere eigene Parzelle.
Es war einmal ein ganz normaler Kleingartenverein. Mit einem engagierten Vorstand. Mit hilfsbereiten Mitgliedern. Mit einigen, die immer mit anpackten. Und mit einigen, die ausgezeichnet erklären konnten, warum gerade sie diesmal leider keine Zeit hatten.
Also eigentlich wie fast jeder Verein.
Eines Tages brachte jemand eine Idee mit.
„Wir könnten auf unserem Vereinsheim und einigen Lauben Photovoltaik installieren.“
Es gab sogar eine Machbarkeitsstudie. Ein Investor wollte die Finanzierung übernehmen. Der Verein müsste kaum eigenes Geld investieren. Die Stromkosten könnten sinken. Das Vereinsheim würde profitieren. Und vielleicht könnte der Verein sogar ein Vorbild für andere Kleingartenanlagen werden. Eigentlich eine schöne Idee.
Doch wie das so ist, tauchten sofort viele Fragen auf. „Funktioniert das überhaupt?“ „Wer kümmert sich darum?“ „Was sagen die Pächter?“ „Lohnt sich das wirklich?“
Und natürlich die Lieblingsfrage fast aller Vereine: „Was haben wir eigentlich davon?“ Niemand meinte es böse. Jeder wollte nur verhindern, dass ein Fehler gemacht wird. Und so wurde gründlich nachgedacht. Sehr gründlich. Monatelang. Fast schon professionell.
Eine ungewöhnliche Frage
Währenddessen passierte etwas Merkwürdiges. Ein Mitglied meldete sich zu Wort und fragte:„Vielleicht sollten wir nicht nur fragen, was der Verein für uns tun kann. Sondern auch, was jeder Einzelne für den Verein tun könnte.“
Es wurde still. Nicht, weil alle sofort überzeugt waren. Sondern weil über diese Frage noch niemand nachgedacht hatte.
Dann sagte jemand: „Mein Laubendach könnte genutzt werden.“
Ein anderer meinte: „Ich kenne mich mit Elektrik aus.“
Eine Pächterin sagte: „Ich könnte mit den Nachbarn sprechen.“
Ein Rentner lächelte: „Ich habe Zeit.“
Ein junger Pächter ergänzte: „Ich mache euch eine Internetseite.“
Und einer aus der letzten Reihe rief: „Ich grille für die Helfer!“
Da mussten alle lachen. Und plötzlich wurde aus einer Photovoltaikanlage etwas ganz anderes. Ein Gemeinschaftsprojekt.
Mehr als Strom
Die Überraschung war groß. Nicht nur, weil am Ende tatsächlich Strom erzeugt wurde. Sondern weil die Mitglieder feststellten, dass jeder etwas beitragen konnte.
Der eine Wissen. Die andere Organisationstalent. Der nächste ein Dach. Wieder jemand gute Laune. Und einer brachte einfach jeden Samstag den Kaffee. Seltsamerweise war genau das ebenso wichtig.
Nach und nach veränderte sich etwas. Nicht nur auf den Dächern. Sondern auch im Verein. Die Mitglieder redeten mehr miteinander. Neue Ideen entstanden. Die Wege wurden gepflegter. Das Vereinsheim wurde häufiger genutzt. Und plötzlich waren auch jüngere Familien neugierig geworden.
Ein Besuch von nebenan
Ein Jahr später besuchte eine Nachbarkolonie den Verein. Die Besucher schauten sich um. Die gepflegten Wege. Das Vereinsheim mit den Solarmodulen. Die Lauben, deren Dächer gemeinsam Strom erzeugten. Und die vielen Menschen, die miteinander arbeiteten und lachten.
Schließlich fragte einer: „Wie habt ihr das geschafft?“
Der Vorsitzende lächelte. „Eigentlich gar nicht wir.“ „Sondern alle zusammen.“
„Irgendwann hat einfach jemand aufgehört zu fragen: ‚Was bekomme ich?’ und stattdessen gefragt: ‚Was kann ich beitragen?’ Ab da wurde vieles einfacher.“ Der Besucher nickte nachdenklich.
Dann sagte er: „Wissen Sie … eigentlich geht es hier gar nicht um Photovoltaik.“ Der Vorsitzende lächelte. „Nein.“ „Es geht darum zu zeigen, dass Kleingärten nicht von gestern sind.“ „Dass wir Verantwortung übernehmen.“ „Dass wir gemeinsam Zukunft gestalten.“ „Und dass wir der Gesellschaft mehr zurückgeben, als wir von ihr erwarten.“ Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte der Besucher: „Wenn irgendwann wieder darüber diskutiert wird, ob Kleingartenanlagen erhalten bleiben sollen, dann wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen an genau so einen Verein denken.“ Der Vorsitzende nickte. „Genau deshalb haben wir nicht nur Strom erzeugt.“ „Wir haben Vertrauen erzeugt.“
Das kleine Schild im Vereinsheim
Heute hängt im Vereinsheim ein schlichtes Holzschild. Darauf steht:
Ein Verein lebt nicht davon, dass wenige alles machen. Sondern davon, dass viele ein kleines bisschen beitragen. Darunter hat irgendwann jemand mit Filzstift geschrieben: „Die Zukunft der Kleingärten entscheidet sich nicht nur in den Gärten. Sondern auch darin, wie wir als Gemeinschaft wahrgenommen werden.“ Und ganz unten steht ein Satz, über den Besucher oft schmunzeln: „Wer heute zeigt, dass Kleingärten Teil der Lösung sind, muss morgen vielleicht nicht mehr erklären, warum sie erhalten bleiben sollen.“
Die Moral der Geschichte
Vielleicht beginnt die Zukunft eines Vereins gar nicht mit einer großen Investition. Vielleicht beginnt sie mit einer einzigen Frage. „Was kann ich heute dazu beitragen, damit unser Verein auch morgen noch ein Ort ist, auf den wir alle stolz sein können?“
Zuerst ist der Stein, dann der Baum, und dann, irgendwann, dann erst kommt der Mensch. Umgekehrt ist es genauso. Ich bin der Nächste, der gehen wird. Dann die Bäume, die wir im Garten gesetzt haben, die Kirsch- und Nussbäume. Und irgendwann vergeht auch der Stein. Zerbröselt. Wird zu Erde.
Karl Prantl


